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Pestizidrebellen von Mals

Mals: Ein Dorf wehrt sich

 

Am Rand von Südtirols intensiver Apfelproduktion, wo Pestizide in rauen Mengen versprüht werden, will eine 5000-Seelen-Gemeinde einen anderen Weg gehen. 2014 entschieden die «Pestizidrebellen von Mals» in einer Volksabstimmung für eine Zukunft ohne Glyphosat & Co. Das Netzwerk «Hollawint», angeführt von vier starken Frauen, ist massgeblich am Widerstand beteiligt

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Martina Hellrigl vom Netzwerk Hollawint kämpft für einen gesunden Lebensraum ohne Pestizide. Bild: Wolfgang Schmidt

Malser Widerstand gegen Pestizide

Mit seiner Lage am oberen Ende des Vinschgaus (Südtiroler Provinz im Nordwesten, angrenzend an die Schweiz und Österreich am Reschenpass) war die Gemeinde Mals lange Zeit nur Beobachterin der Missstände, die mit dem massiven Pestizideinsatz im Apfelanbau verbunden sind. Mit der zunehmenden Ausbreitung der Obstplantagen formierte sich im Dorf ein breit abgestützter Widerstand.

Unter den zahlreichen Gruppierungen, die sich für eine pestizidfreie Zukunft stark machen, ist auch die Bewegung «Hollawint» – initiiert von vier Frauen, die es nicht hinnehmen wollen, dass Umwelt und Gesundheit vergiftet werden. «Die Pestizide gefährden unseren Lebensraum. Wir mussten etwas unternehmen», so beschreibt Martina Hellrigl das Entstehen der Bewegung. «Hollawint», das bedeutet im Südtirolerischen «Aufgepasst!» – mobilisierte die MalserInnen, Leserbriefe zu schreiben, Transparente aufzuhängen und mit anderen Aktionen den Widerstand sichtbar zu machen. 2014 stimmten 77 Prozent der Malser Bevölkerung in einer Volksabstimmung für eine intakte, gesunde Heimat und gegen den massiven Pestizideinsatz. Seither versuchen die Süditroler Obstbauernverbände, die Umsetzung des Pestizidverbots mit allen Mitteln zu verhindern.

Martina Hellrigl im Interview

Euer Engagement in den letzten Jahren war eindrücklich. Sind bereits neue Aktionen in Planung?
Erst im Juli haben wir ein Benefizkonzert organisiert, um Geld für den anstehenden Rechtsstreit zu sammeln. Dies wird nun auch in den kommenden Monaten im Vordergrund stehen. Weitere Aktionen werden sicherlich folgen, doch die entstehen bei uns immer aus dem Moment heraus – man weiss nie, was als nächstes kommt.

Was ist das Geheimrezept des Malser Erfolgs?

In Mals ist die Bevölkerung die treibende Kraft. Das braucht es unbedingt: Auch in anderen italienischen Gemeinden gab es schon Gemeinderatsbeschlüsse zu Pestizidverboten, aber da war das Volk zu wenig einbezogen. Das sehr persönliche Engagement vieler MalserInnen kennzeichnet den Malser Weg.

Worauf habt ihr bei euren Aktionen besonders Wert gelegt?

Es war uns immer sehr wichtig, dass sich die Fronten nicht verhärten. Bei dieser Thematik geht es um existenzielle und fundamentale Dinge. Es passiert schnell, dass dabei Prozesse komplett blockiert werden. Wir wollen deshalb unsere Forderungen in Form von positiven Botschaften ausdrücken und nicht als verbalen Angriff. Das mag wohl manchmal etwas naiv herübergekommen sein. Doch es hat unseren Kontrahenten weniger Angriffspunkte geliefert. Denn schliesslich ist jeder frei, Wünsche zu äussern. Gerade die gelebten Wünsche in der Gemeinschaft haben eine ungeheure Kraft.

Im Buch «Das Wunder von Mals» vertritt der Schweizer Landwirtschaftsexperte Hans Rudolf Herren die Meinung, ein Pestizidverbot allein reiche nicht aus für die Ökowende in der Landwirtschaft. Stimmt das?
Ja, natürlich sind die Pestizide nur ein Aspekt, aber ein sehr wichtiger. Denn ihr Einsatz und ihre Folgen sind unmittelbar sicht- und spürbar. Doch für einen echten Wandel braucht es noch viel mehr. Auch Wirtschaft und vor allem der Tourismus müssen den Wert einer intakten Kulturlandschaft würdigen und den nachhaltigen Umgang damit fördern. Und es braucht neue Modelle wie beispielsweise die Solidarische Landwirtschaft (Anm. d. Red.: entspricht der regionalen Vertragslandwirtschaft in der Schweiz).

Die Landesregierung bremst

Die Landesregierung in Bozen könnte den Malser Entscheid unterstützen und das «Wunder von Mals» als grosses Vorbild für die Tourismuswerbung verwenden. Denn die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen der Pestizide schädigen langfristig den Ruf der Region als beliebtes Urlaubsziel. Doch die Landesregierung, die mit der Apfellobby verbandelt ist, negiert nicht nur die Legitimität des Referendums, sondern entzieht den Kommunen mit einem neuen Gesetz die Kompetenzen im Bereich Pestizide. Sie verpasst damit die Chance, dass die Region bezüglich ökologischer Landwirtschaft eine Vorreiterrolle einnimmt. Mit dem Inkrafttreten der Pestizidverordnung Ende März 2018, die Pestizide über die Abstandsregelung faktisch verbietet, ging die juristische Auseinandersetzung in eine neue Runde. Im Auftrag von LandwirtInnen und GrundeigentümerInnen, die in Mals Obstplantagen besitzen, klagte der Bauernbund-Anwalt Arthur Frei gegen die Pestizidverordnung. Im Mai 2018 entschied das Verwaltungsgericht in Bozen, die Malser Verordnung vorerst ausser Kraft zu setzen. Anfang 2019 soll nun inhaltlich über den Rekurs der Obstbauern gegen die Pestizidverordnung entschieden werden. In Mals wappnet man sich für jahrelange juristische Verhandlungen und rechnet damit, das Urteil zur höchsten Instanz in Rom weiterziehen zu müssen. Die MalserInnen brauchen also weiterhin einen langen Atem und jede Unterstützung, die sie bekommen können.

Südtirol und die Äpfel

In Südtirol werden jährlich 1 Mio Tonnen Äpfel produziert - vorwiegend in Monokulturen. Südtirol gilt als das grösste zusammenhängende Anbaugebiet von Äpfeln in der EU. Konnten die Apfelplantagen bis vor einigen Jahren aufgrund der klimatischen Anforderungen nur in tieferen Lagen angelegt werden, so ist zu beobachten, dass durch die Klimaveränderung und die allgemeine Erwärmung, die Plantagen inzwischen bis auf beinah 1500 Metern Seehöhe zu finden sind. Das Landschaftsbild wurde bereits erheblich verändert. So findet mit Folien bedeckte Apfelplantagen so weit das Auge reicht.

Im konventionellen Obstanbau werden jährlich um die 45 kg Pestizide pro Hektar (Glyphosat, Mancozeb oder Captan) grossflächig verspritzt. Das ist sechs Mal mehr als im italienischen Durchschnitt. Gespritzt wird etwa 30 Mal pro Jahr. Mit immer gravierenderen Auswirkungen auf Fauna und Flora und die Menschen, die in der Region leben. Die Gifte gelangen auch auf Sportplätze, Radwege und Schulhöfe. Die Spritzmittel verdunsten oder werden vom Wind verteilt. Kontaminiert wird auch die Ernte von Bio-Betrieben und benachbarten Gärten. Da im Vinschau ein ständiger Aufwind herrscht, treiben die Gifte teils kilometerweit. Eine Studie der Universität Salzburg weist nach, dass noch hunderte Meter über den Apfelplantagen auf den Almwiesen Insekten an den versprühten Giften sterben.

Der Widerstand in den betroffenen Region gegen den massiven Pestizideinsatz nimmt zu. Immer mehr Menschen in Südtirol wehren sich. Dagegen opponiert eine der politisch mächtigsten Lobbys im Land: Die Lobby der Obstproduzenten. Auch wenn sie nur etwa 20.000 Mitglieder zählt, so gilt die Apfel-, Chemie- und Grundbesitzlobby Südtirols als eine einflussreiche und mächtige Organisation. So wird über politische Einflussnahme verhindert, dass beispielsweise die Gemeinde Mals ihre Pestizidverordnung durchsetzen kann. Die Lobby verklagt alle, die sich ihr in den Weg stellen.

Trotzdem lassen die betroffenen Menschen nicht locker. Immer mehr Bäuerinnen und Bauern steigen auf ökologische Landwirtschaft um und versuchen einen anderen Weg zu gehen.

Weitere Informationen auf www.pestizidtirol.info