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Mexiko

Bedrohte Maisvielfalt in Mexiko

 

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Die rund 60 Landmaissorten, welche in Mexiko in tausenden von Variationen immer noch existieren, werden durch den traditionellen Anbau der KleinbäuerInnen im Milpa-System erhalten und weitergezüchtet. Dabei handelt es sich um einen Mischanbau in Kombination mit Bohnen, Kürbissen und weiteren Gemüsen sowie Kräutern. Die Sorten sind optimal an die lokalen Bedingungen angepasst und die konstante Weiterzüchtung garantiert, dass sie auch bei zukünftig veränderten Umweltbedingungen ertragreich bleiben. Die KleinbäuerInnen erzeugen mit jährlich zehn Millionen Tonnen rund ein Drittel der nationalen Maisproduktion. Diese dienen zu über der Hälfte der Selbstversorgung, sind also von enormer Bedeutung für die Ernährungssicherheit der armen Landbevölkerung.

Kleinbäuerliche Produktion bedroht

Die kleinbäuerliche Anbautradition, und damit die Maisvielfalt, ist in den letzten Jahrzehnten stark in Bedrängnis geraten. Das Freihandelsabkommen NAFTA führte nach 1994 zu einer starken Preissenkung und zu einem Anstieg der Billigimporte aus den USA. Diese Entwicklung hatte die Abwanderung von 2,3 Millionen MaisbäuerInnen und einen rasanten Anstieg der Armut zur Folge. Dabei ist besonders besorgniserregend, dass der US-Importmais grösstenteils gentechnisch verändert ist. So wird die Kontamination durch GV-Mais unvermeidlich und dies, obwohl dessen Anbau in Mexiko immer noch verboten ist. Erschwerend wirkt ausserdem, dass die nationale Landwirtschaftsstrategie einzig auf Ertragssteigerung durch eine zunehmend mechanisierte Landwirtschaft und die Verwendung von Hybridsaatgut ausgerichtet ist. Dabei belasten die Intensivierung und der grossflächige Einsatz von Pestiziden die Umwelt. Aufgrund dieser Missstände riefen eine Vereinigung kritischer Wissenschaftler (UCCS), die Freie Autonome Universität (UNAM) in Mexiko City und weitere Organisationen 2015 das Projekt «Alimentación sana» (AliSa) ins Leben. AliSa unterstützt BäuerInnen dabei, das Milpa-System weiterzuführen und damit ökologischen, gentechfreien Mais zu produzieren und die alten Sorten zu erhalten.

Neue Forschungsergebnisse aus Mexiko

Neun von zehn Tortillaproben enthielten bis zu 15 Prozent gentechnisch veränderten (GV) Mais, dies zeigte eine Studie der Freien Autonomen Universität (UNAM) in Mexiko-City. Das sei alarmierend, findet Elena Alvarez, Vorsteherin des molekular- biologischen Instituts der UNAM (siehe auch Serie "Es geht auch anders!"). Denn in Mexiko deckt der Mais immer noch über die Hälfte des täglichen Kalorienbedarfs. «Unsere Resultate deuten darauf hin, dass ein beträchtlicher Anteil des importierten GV-Maises aus den USA in die Lebensmittelproduktion fliesst», so Alvarez. Dies hatte die mexikanische Regierung immer bestritten und behauptet, Mexiko produziere ausreichend Mais für die menschliche Ernährung. Der importierte GV-Mais werde ausschliesslich als Futtermittel und für industrielle Zwecke verwendet. Eine Regelung zur Warenflusstrennung fehlt in Mexiko ebenso wie eine Deklaration der Produkte. Mögliche gesundheitliche Risiken wurden bei der Zulassung von GV-Importmais aus den USA nicht thematisiert.

Sortenvielfalt in Gefahr

Bereits früher hatte die Forschungsgruppe um Alvarez mehrfach transgene Sequenzen von GV-Mais in den einheimischen Sorten in südlichen Regionen des Landes nachgewiesen. Zur Auskreuzung kommt es, wenn die Bauern unwissentlich GV-Importmais als Saatgut verwenden. Im Hybridmais, der vorwiegend im Norden Mexikos grossflächig angebaut wird, wurde bisher entgegen den Erwartungen überraschend wenig GV-Mais gefunden. Die bis anhin festgestellte Häufigkeit der Verunreinigungen ist zu gering, als dass sie die hohen Mengen an gefundenem GV-Mais in den Endprodukten erklären könnte. «Doch weitere Untersuchungen sind dringend nötig, denn die Gefahr der Verschmutzung ist allgegenwärtig und gefährdet die genetische Vielfalt der mexikanischen Maissorten», sagt Elena Alvarez.

Mexiko bietet GV die Stirn

Die Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) von 1992 schreibt vor, dass die Verbreitung von GV-Sorten im Ursprungsland der jeweiligen Kulturpflanze unbedingt zu verhindern sei. Trotzdem bemuhen sich Agrokonzerne wie Monsanto seit Mitte der Neunzigerjahre, im Mais-Ursprungsland Mexiko Fuss zu fassen. 1998 lancierte die mexikanische Regierung ein GV-Anbau-Moratorium, das ähnlich dem Moratorium in der Schweiz den Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen verbietet. Zuvor war im Rahmen experimenteller Freisetzungen allerdings bereits GV-Mais ausgesät worden. 2001 wies eine im Wissenschaftsjournal «Nature» publizierte Studie erstmals transgenes Material in lokalen Maispflanzen im Bundesstaat Oaxaca nach. Die Studie löste zwar eine Debatte aus, blieb aber ohne Wirkung. Agrokonzerne machten weiter erfolgreich Druck, das Moratorium schrittweise auszuhöhlen.

Das mexikanische Gesetz über Biosicherheit und gentechnisch veränderte Organismen («Monsanto-Gesetz»), das 2005 verabschiedet wurde, bildete die legislative Grundlage, um das Moratorium 2009 aufzuheben: Die versuchsweise Aussaat konnte beginnen – mit dem mittelfristigen Ziel einer kommerziellen Freisetzung. Doch es formierte sich Widerstand. Grossdemonstrationen, Petitionen und ein Hungerstreik führten dazu, dass mexikanische Gemeinden und nichtstaatliche Organisationen das Jahr 2013 zum Jahr des Widerstands gegen den Gentechmais erklärten: Seither ist der GV-Anbau in Mexiko verboten.